6 Wochen Praktikum im Nationalpark Fulufjället, Schweden

 

 

In meinem Studium "Biodiversität & Ökologie" ist ein mehrwöchiges Berufspraktikum vorgesehen - für mich die Gelegenheit,  Biologen-Berufserfahrungen im Ausland zu sammeln.

Schweden habe ich noch von früheren Reisen in sehr guter Erinnerung und so bewerbe ich mich im Nationalpark Fulufjället in Mittelschweden.

 

Das Nationalparkhaus "Naturum" ist in seiner Bauweise dem Bergmassiv nachempfunden, das den Nationalpark prägt: langgestreckt fügt es sich perfekt in die Landschaft ein und ist ebenso flach wie das Plateau des Bergzuges.

Die Faszination des Baues liegt gerade in seiner Einfachheit: gebaut wie ein hölzerner Tunnel mit Glasfronten an den kurzen Seiten wirkt er wie ein Teleskop, der die Besucher auf die grandiose Natur fokussieren möchte.

Das Sofa vor der rückseitigen Glasfront ist ein echter Lieblingsplatz mit wunderschöner Aussicht auf Moor- und Berglandschaft.

Aber natürlich verbringe ich meine Zeit weniger auf dem Sofa, sondern vielmehr vorn am Tresen.

Ich begrüße Besucher, empfehle Wanderrouten, beantworte Fragen zur hiesigen Fauna und Flora, verkaufe Bücher und Souvenirs.
Ich spreche schwedisch, englisch und ab und zu auch deutsch. Drei Sprachen nebeneinander zu sprechen ist anstrengender, als ich gedacht habe - abends dreht sich ein ganzes Sprachenkarussell in meinem Kopf :-)

 

Neben den allgemeinen Besucher-Empfangsaktivitäten bieten wir zwei geführte Touren am Tag an - für mich der schönste Teil an der Arbeit hier!
Sowohl ich als auch meine Kollegen (gemeinsam mit mir arbeiten noch 2 Biologen und eine Biologie-Studentin im Naturum) sind alle immer ganz heiß darauf, eine Tour zu guiden, denn natürlich kommt das unserer eigentlichen Ausrichtung als Biologen deutlich näher, als Souvenirs zu verkaufen :-)

Auf den Touren erklären wir den Besuchern die ökologischen Zusammenhänge im Nationalpark, weisen sie auf besondere Pflanzen hin - und hoffen, daß unsere Begeisterung für die schöne Natur hier überspringt.

Im Nationalpark Fulufjället sind gleich zwei von Schwedens Superlativen vereint: der Njupeskär, Schwedens höchster Wasserfall (94m, > siehe Bild oben) und "Old Tjicko", der älteste Baum der Welt (Bild rechts).
"Old Tjicko" ist eine 9550 Jahre alte Fichte, ein Relikt vom Ende der letzten Eiszeit, deren hohes Alter sich durch vegetative Vermehrung (Klonierung) erklärt.
Der lebende Stamm selbst ist nur einige hundert Jahre alt, doch das (teilweise abgestorbene) Wurzelsystem unter dem Baum wurde mittels Radiocarbonmethode auf 9550 Jahre datiert. 
Neueste Untersuchungen zweifeln das hohe Alter des Baumes jedoch an mit der Begründung, daß zwischenzeitlich sehr wahrscheinlich geschlechtliche Vermehrung (mit Neu-Kombination des Erbgutes) stattgefunden hat, so daß der Baum nicht mehr das gleiche genetische Individuum ist wie vor 9550 Jahren.
Das erzählen wir den Touristen jedoch nicht :-)

Der Nationalpark Fulufjället ist 385 qkm groß und wird dominiert von einem massiven Bergzug (900m), auf dessen Rücken sich ein weites Plateau ausdehnt.

 

 

 

 

 

 

 

 

Auf dem Plateau finden sich weite Hochmoor- und Heidelandschaften. 

Etwas Besonderes sind die dicken Teppiche aus Rentierflechten - etwa 50km weiter nördlich ist diese Form der Vegetation von Rentieren völlig abgeweidet, aber hier im Nationalpark sind keine Rentiere zugelassen.

Im Park wachsen über 500 verschiedene Flechten, unter denen auch viele bedrohte Arten sind. Deshalb stehen die Flechten hier unter strengem Schutz und es wird eindringlich darum gebeten, keine Steinmännchen zu bauen, da die Flechten durch das Aufeinanderstapeln der Steine zerstört werden.

Schilder in schwedisch, englisch und (seitdem ich hier bin :-) ) auch auf deutsch weisen auf den Wert der Flechten hin und bitten darum, keine Steinmännchen zu bauen. Leider finden wir trotzdem jeden Tag neue....

 

 

 

 

So schön sieht ein mit Flechten bewachsener Stein aus.....

 

..... und das passiert, wenn die Steine zu den allseits beliebten Steinmännchen aufgeschichtet werden.

 

Das Tragische ist, daß viele Flechten Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte brauchen, um wieder zu wachsen.

Manche Steine mit Flechten haben Glück und nennen einen strengen kleinen Wachhund ihr eigen. Hier stapelt niemand Steine!

 

 

An meinem ersten freien Wochenende unternehmen wir eine Zwei-Tages-Tour auf dem Fjäll und schlagen unser Zelt am Rörsjön auf.

 

Dieser kleine Bruchwasserläufer (Tringa glareola) gehört zur Famlie der Schnepfenvögel (Scolopacidae).
Er kommt vor allem in borealen (wie hier) und subarktischen Tundrenzonen vor; in Mitteleuropa ist er eher selten anzutreffen.

 

 

 

Dieser kleine Fjällwanderer gehört zur Familie der Borchers und hat sich die Sohle seines Wanderschuhs abgelaufen.

Humpelnd ist er dieser Tage im Nationalpark Fulufjället anzutreffen.

 

 

 

Neben der wunderschönen Natur sind meine Kollegen im Naturum das Beste, was einem hier in Schweden passieren kann!

Aus vier verschiedenen Nationen kommend - Litauen, Iran, Deutschland und Schweden - bilden wir ein internationales Dream Team.

Wenn Spaß in Schweden einen Namen hat, dann Moa & Steffi :-)
Bästa vänner i Sverige!

 

 

 

 

Vor dem Naturum hängt ein kleiner Imbiss für Vögel, der sehr gerne auch von Eichhörnchen besucht wird.

Der Unglückshäher (Perisoreus infaustus) ist das Wahrzeichen des Nationalparks.

Im Gegensatz zum Eichhörnchen steht er überhaupt nicht auf Nüsschen, Haferflocken und das übliche Vogelfutter, sondern auf Wurst. Schnöde, eklige Wurst.

 

 

 

 

 

 

 

Trotzdem kann man sich seinem Charme nicht entziehen :-)

 

 

 

 

Auch der Fitis (Phylloscopus trochilus) ist im Fulufjället anzutreffen...

 

 

 

--- ebenso wie dieses junge Rotkehlchen??? / junger Buchfink???
(für genaue Bestimmung gern eine Nachricht an mich :-)

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Buntspecht (Picoides major) ist wieder eindeutig :-)

Auch nach einem langen Arbeitstag werde ich nicht müde, nach Tieren Ausschau zu halten.

Gracie unterstützt mich vorbildlich.

Wenn sich  keine großen Tiere zeigen, erfreue ich mich eben an Schmetterlingen.

Fürs Naturum mache ich gemeinsam mit meiner Kollegin Audrone eine "Schmetterlings-Inventur" im Nationalpark. Sozusagen eine Volkszählung für Schmetterlinge.

Wir entdecken Mitglieder der Familie Blåvinge (Lycaenidae)......

..... und der Familie Pärlemorfjäril (Nymphalidae).

 

 

 

 

Unser Nationalpark-Maskottchen, der Unglückshäher, und ich sind inzwischen dicke Freunde geworden.

Für mich ein kleiner Glückshäher, wenn er zu mir auf die Hand geflogen kommt :-)

Bei den anderen Vögeln wirkt meine Anziehungskraft noch nicht im gleichen Maß.
Aber ich arbeite daran :-)

Hier ein kleiner Kleiber(Sitta europaea).
Der Name Kleiber bezieht sich darauf, daß sie ihre Bruthöhlen mit einer Mischung aus Lehm und Speichel so weit zukleistern, daß sie gerade noch hindurch passen. Das dient zum einen dem Schutz vor Räubern (Krähen, Marder) aber manchmal auch als "Höhlendiebstahl", indem sie die Bruthöhlen anderer Vögel (z.B. Spechte) besetzen und den Eingang für die eigentlichen Besitzer zu  klein machen.

Und das ist eine Haubenmeise (Lophophanes cristatus), der kleine Punk unter den Vögeln.

Gracie findet ein kleines blaues Vogelei und gemeinsam rätseln wir, von welchem Vogel es sein könnte.

 

 

An meinem zweiten freien Wochenende wandern wir im südlichen Teil des Fulufjället, denn hier soll es Bären geben.

 

Gracie weiß genau, worauf ich aus bin und präsentiert mir stolz ihren Fund.

Der südliche Teil des Nationalparks ist ganz anders als der nördliche, in dem ich letztes Wochenende unterwegs war.

Während der nördliche Teil stark vom Fjäll mit seiner kargen Tundra-Vegetation und den flechtenbewachsenen Steinen dominiert wird, findet man im südlichen Teil eine wunderschöne Waldlandschaft, die vom Tangån durchströmt wird. 

 

 

 

 

Die Björnholmstuga steht allen müden Wanderen offen.

 

 

Einen Björn finden wir dort zwar nicht, dafür aber ein schüchternes Füchschen, das ich in seiner Kläglichkeit am liebsten sofort adoptiert hätte.

In der folgenden Woche schlägt das Wetter um - es stürmt und schüttet und das Thermometer fällt ins Bodenlose. Wir rechnen ernsthaft damit, daß die dicken Tropfen sich in dicke Schneeflocken verwandeln.

 

 

 

 

 Als es wieder wärmer wird, hüpfen überall dicke Kröten herum und ich habe alle Hände voll zu tun, die kleinen Selbstmörder von der Straße zu tragen.

 

Dieser kleinen Kerl verzaubert mich ganz besonders.

 

Seine Augen schimmern wie flüssiges Gold und es fehlt nicht viel, daß ich an einen verzauberten Prinz glaube.

An meinem dritten freien Wochenende scheint die Sonne wieder und Gracie und ich machen uns auf den Weg Richtung Norden.
Bei Idre kann es schon mal vorkommen, daß Rentiere in aller Seelenruhe auf der Straße herumlaufen.

Im Wald sind die Rentiere deutlich scheuer als auf der Straße und man muss sich auf Zehenspitzen gegen den Wind anschleichen, damit man ein schönes Photo bekommt. Gracie versteht meinen Plan nicht so ganz und möchte lieber mit den lustigen Tierchen mit dem riesigen Geweih spielen. Deshalb bleibt es bei einem einzigen Photo.

Aber unser Weg hält noch mehr schöne Photomotive bereit.

 

 

 

 

Wir wandern am Storån entlang und haben das Gefühl, den schönsten Ort Schwedens gefunden zu haben!

Gracie findet einen kleinen Bären, der sofort ins Herz geschlossen und adoptiert wird. Natürlich heißt er Björni :-)

 

 

 

 

Wir genießen die wunderschöne Abendstimmung.....

 

 

... schlafen an Ort und Stelle im Auto und stehen mit dem Sonnenaufgang wieder auf.

Gracie sucht eifrig nach Bären und Elchen :-)

Mehr Schweden geht nicht :-)

Wieder zurück im Fulufjället in meinem schwedischen Arbeitsalltag.

Am liebsten guide ich immer noch Touren - hier eine Tour zum Old Tjicko.

Gracie wurde von einem aggressiven Hund angegriffen und verletzt (vielen Dank auch an die Halterin, die nicht in der Lage war, ihren Hund zu halten und meinen Hund damit in Lebensgefahr gebracht hat).

Auf den nächsten Touren begleitet sie mich im Rucksack.

Unterwegs treffen wir einen anderen "Backpack-Sheltie" und die beiden tauschen sich aus.

 

Wer nicht mehr selber laufen kann, wird eben getragen.

Bergauf, bergab, stundenlang, unermüdlich.

 

Ich habe dich sehr lieb, meine kleine Gracie!

 

 

 

 

 

 

Unterwegs essen wir immer seeehr viele Blaubeeren - manchmal kommen wir kaum voran, weil sie überall so dick und verlockend hängen.

 

 

Neben den Blaubeeren findet man hier auch die sehr ähnlich aussehenden Krähenbeeren (Empetrum nigrum).

Auffälligster Unterschied ist, daß sie nadelartige Blättchen haben im Gegensatz zu den "echten" Blättern der Blaubeeren (Vaccinium myrtillus).

 

Die Krähenbeeren sind zwar auch essbar, schmecken jedoch nach nichts.

 

 

Eine Delikatesse sind die leuchtend orangen Moltebeeren (Rubus chamaemorus).

Leider gibt es davon nicht allzu viele.

 

Ganz lieben Dank für alle Nachfragen nach Gracie, die mich in den letzten Tagen per email und whats app erreicht haben!!!

 

Gracie ist auf dem Weg der Besserung und gewinnt auch langsam ihre alte Fröhlichkeit zurück.

 

Im Reha-Zentrum "Humpelpfote" wird der kleinen Patientin bei schönem Wetter eine Liege auf der Sonnenterrasse zurecht gerückt.

 

 

 

 

Sie läuft wieder!!!

Ich bin überglücklich, daß alles so glimpflich abgelaufen ist.

 

Die nachhaltigere Verletzung ist jetzt die Angst vor großen Hunden.

Ich hoffe, mit viel Geduld und freundlichen Artgenossen wird auch diese Narbe heilen!

Ein weiteres Mal bin ich fassungslos und wütend, wie gleichgültig und lieblos manche Hundebesitzer sind. Im Park finde ich einen umherirrenden Hund, der sich geradezu auf mich stürzt, als ich ihn freundlich anspreche. Er ist völlig ausgehungert und abgemagert.

Es stellt sich heraus, daß er bereits seit 5 Tagen allein umherirrt. Die Besitzer haben noch nicht einmal nach ihm gesucht.

Er ist so lieb, daß ich ernsthaft überlege, ihn als Bodyguard für Gracie einzustellen.

Hans-Wynand ist in Schweden eingetroffen und nach vierwöchiger Trennung ist unsere kleine Familie endlich wieder vereint!

Unser schönstes Geschenk ist, daß Gracie wieder laufen und fröhlich mitwandern kann!!!

Wir unternehmen eine 2-Tages-Wanderung im Långfjället....

 

 

 

.......... und schlafen am Ufer des Hallsjön.

 

Gracie genießt die Abendstimmung.

 

 

 

 

 

 

 

Immer noch keine Elche in Sicht, dafür aber wieder einige Rentiere.

Gracie ist eine echte kleine Schwedin geworden und hat ihre Leidenschaft für Blaubeeren entdeckt. Geschickt werden die kleinen blauen Leckerlies von den Sträuchern gezupft und weggenascht.

Während meiner letzten Arbeitstage im Naturum arbeite ich noch einmal intensiv an meiner Performance als Bird-Whisperer.

 

 

 

 

 

 

 

 

Unser Feierabend-Spaziergang führt uns am Njupeskär entlang.

 

 

 

 

 

 

 

Der September hält Einzug und mit ihm mehr Sonne und Wärme als der ganze August zu bieten hatte.

 

 

Ich habe mein Praktikum beendet und gemeinsam genießen wir den schwedischen Spätsommer mit selbstgepflückten Beeren zum Frühstück im Sonnenschein....

... machen Rast im Rentierflechten-Bett....

.... entdecken Wasserfälle, die noch viiiel schöner sind als der berühmte Njupeskär, zu dem alle rennen....

November 2017